Disziplinarstrafe für Militärmusiker

Oberst Wagner, Kdt Komp Zen Mil Musik, äussert sich zum Disziplinarstraffall.
Artikel in der Aargauer Zeitung Anfang August 2017

Gegendarstellung

von Oberst Philipp Wagner, Kdt Komp Zen Mil Musik

Fehler können beim Musizieren immer passieren. Bei Konzerten von Militärorchestern im Milizsystem ist die Möglichkeit von einzelnen Patzern sogar latent vorhanden, denn die Zeit, ein Konzertprogramm in nur zwei Wochen einzustudieren, um sie in der dritten Woche des Wiederholungskurses (WK) vorzutragen, ist immer sehr knapp. Solche Fehler werden natürlich nicht bestraft. Der Musiker darf und soll musikalisch im Konzert etwas riskieren, denn schliesslich lebt die Musik vom individuellen Engagement eines jeden am Konzert Beteiligten.
Was ist nun geschehen, dass trotzdem Strafen für falsche Schlagzeugeinsätze ausgesprochen worden sind?
Das Zeremoniell der Schweizer Armee kennt heute drei Musikstücke (sogenannte Ordon-nanzstücke): Nationalhymne, Fahnenmarsch und Zapfenstreich. Diese werden in der Rekru-tenschule (RS) auswendig gelernt, werden viel gespielt, sind musikalisch nicht schwer, ha-ben einen hohen Erkennungsgrad und müssen daher fehlerfrei gespielt werden können. Trotzdem kann es auch hier vorkommen, dass hin und wieder ein Musiker aus Konzentrati-onsmangel am Schluss eines langen Konzertes beim Zapfenstreich falsch spielt, weil eine Wiederholung vergessen geht. Auch diese Fehler werden nicht bestraft, können aber Nach-arbeit zur Verbesserung hinsichtlich des nächsten Konzertes zur Folge haben.
Hingegen sind die beiden Solo-Einsätze der Schlagzeuger am Ende des Zapfenstreiches aus musikalischen Gründen praktisch unmöglich zu verpassen. Alle unsere Musiker haben eine anspruchsvolle Fachprüfung absolviert, um die Militärmusik RS antreten zu können. Sie haben ein sehr gutes musikalisches Niveau, speziell die Schlagzeuger.
Nun haben diesen Frühling bei drei verschiedenen Militärspielen die Schlagzeuger die besagten Solo-Einsätze nicht mit der grossen Trommel oder den Becken, sondern mit auffällig anders klingenden Perkussionsinstrumenten gespielt. In allen drei Fällen sind die fehlbaren Schlagzeuger bestraft worden*.
Der Schlagzeuger des in die Medien gebrachten Falles hatte den Solo-Einsatz mit seinen Becken verpasst und ihn einen Takt später zusammen mit dem Einsatz seines Registerkameraden gespielt. Letzterer setzte allerdings ebenfalls ein anderes Perkussionsinstrument ein. Bewusstes falsch Spielen wird weder im zivilen noch im militärischen Konzertbetrieb toleriert. Die Massnahme der Disziplinarstrafe wurde also nicht aufgrund eines musikalischen Fehlers, sondern aufgrund eines nicht tolerierbaren Verhaltens ergriffen.
Hinzu kommt, dass das Publikum zurecht hohe Erwartungen an die musikalische Perfektion eines Militärspiels hat. Das Fehlverhalten, wie es in diesen Fällen festgestellt wurde, führte daher zu einem Reputationsschaden und respektiert in keiner Weise die Werte und Traditi-on, für welche die Militärmusik einsteht. Mit solchem Verhalten wird dem gesamten Orchester geschadet, die Werte der Disziplin nicht geachtet und ist der Grundpflicht als Soldat der Schweizer Armee nicht nachgekommen.Die Militärmusik repräsentiert während der musikalischen Ausübung ihrer Funktion, aber auch bei ihrem blossen Auftreten, immer die Armee. Dieser Anforderung müssen sich die Musikerinnen und Musiker der Militärspiele immer bewusst sein. Und genau auf dieses Grundverständnis und auf das daraus resultierende tadellose Verhalten müssen sich meine Vorgesetzten, ich als Kommandant, meine Berufskameraden und speziell auch die Milizkader verlassen können. Dies wird jedem Musikrekruten ab dem ersten Militärtag bewusst gemacht.
Deshalb verlange ich als Kommandant, dass Vergehen im musikalischen Bereich, genau wie im Bereich des Verhaltens, geahndet und bestraft werden.
Das Wichtigste an dieser Gegendarstellung ist für mich als Kommandant aber folgende Feststellung: Ich darf wirklich volles Vertrauen zu unseren Militärmusikerinnen- und musikern haben. Vorfälle dieser Art wie beim Zapfenstreich sind sehr selten und wiederspiegeln nicht das Grundverhalten der Schweizer Militärmusiker.
* Strafmass: Fr 500.- ist die höchste Geldbusse welche durch einen Kommandanten ausgesprochen werden kann. Die ausgesprochene Busse muss verhältnismässig sein, weshalb dieser Betrag im Zusammenhang mit den vorliegenden Fällen kein Thema war.

André Keller

andre.keller@aarg-musikverband.ch

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